|
||||||
|
||||||
| |
||||||
|
Körper als inzenierter Zustand Zur
Malerei von Matthias Groebel Es ist nicht häufig der Fall, daß bildende Künstler über den Umweg einer ganz anderen Berufsausbildung zu ihrer eigentlichen Bestimmung finden. Dubuffet ist in dieser Hinsicht das bekannteste Beispiel des 20. Jahrhunderts. Weitere Namen wären der Zöllner Rousseau, Andy Warhol, George Brecht, Robert Filliou, oder Peter Campus. Solche "Quereinsteiger", die meist keine Kunstakademie mehr durchlaufen, kennzeichnet nicht selten ein Kunstbegriff, dessen Wirklichkeitsbezug zugleich pragmatisch, analytisch und philosophisch ist. ![]() Kunst ist für diese Künstler kein selbstreferentielles System als Modell der Gesellschaft, sondern ein offenes Feld für Strategien, die das Modell "Gesellschaft" testen bzw. einer poetischen Analyse unterziehen. Diesen Künstlern fehlt meist der Glaube an eine eschatologische Funktion der Kunst. Sie beziehen sich ganz unspektakulär auf das Gesehene, und ihre Aufgabe sehen sie in der Regel darin, dieses "Gegebene" transparent zu machen. Matthias Groebel ist ein Quereinsteiger. 1958 in Aachen geboren, wuchs er in Münster auf, wo er auch, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, Pharmazie studierte. 1981 erhielt er die Approbation als Apotheker. Erst einige Jahre später, angeregt durch persönliche Freundschaften, wandte er sich der Malerei zu, ohne ein Kunststudium zu absolvieren. Die für Groebel typische Verbindung von Malerei und modernen Technologien begann 1988. Seit 1990 arbeitet Groebel ausschließlich auf dem Feld computerunterstützter Malerei.
Groebel geht es nicht um die Rettung der Malerei in
der digitalen Welt. Vielmehr zeigen seine Bilder zwei technologische
Varianten der abendländischen Kultur, wenn auch aus verschiedenen Phasen
ihrer Entwicklung. Beide haben für die künstlerische Strategie Groebels
Zeichencharakter. Denn die Malerei repräsentiert das Weltmodell der Neuzeit,
das noch immer zentrale Kategorien der menschlichen Wahrnehmung in der
heutigen Welt prägt. Die digitale Technik hingegen weist auf den
grundlegenden Paradigmenwechsel, der sich augenblicklich im Abendland (und
vielleicht auch global) vollzieht. ![]() Die Elektronik bietet den strukturellen Rahmen für
einen schöpferischen Prozeß, an dessen Ende Malerei steht. Der Kunstbegriff
Groebels steht dabei der Technologie ebenso nahe oder fern wie der Malerei.
Eher ist die Methode der Bildfindung und das sie begründende Denken der Ort,
an dem sich Kunst ereignet. Den Herstellungsprozeß seiner Bilder hat Groebel
1991 beschrieben: "Als Ausgangsmaterial dienen Bilder aus dem üblichen
Fernsehprogramm, die nicht älter als 10 Jahre sind. Ich vermeide die
Verwendung von Material, das vom Betrachter als selbst gesehen identifiziert
wird. Die Fernsehbilder werden digitalisiert und - wenn ich es für richtig
halte - anschließend im Computer montiert und retuschiert. In Abhängigkeit
von der so erstellten Bildvorlage steuert der Rechner eine Airbrush-Pistole,
die mit pigmentierter Acrylfarbe auf Leinwand einer standardisierten Größe
malt." Die Bilderzeugung ist so zeitgemäß wie nur möglich: Alles findet
und konstruiert sich in der Elektronik. Erst das fertige Bild wird in einem
simplen Schritt auf eine andere Technik übertragen. Die Gemälde, die am Ende
dieses Prozesses stehen, bringen durch das Konnotationsfeld Malerei mehrere Wahrnehmungsraster
mit, die mit denen der Elektronik kollidieren. Ein Beispiel: Die
Zentralperspektive, die seit der Renaissance alle Bilder bestimmt hat, sogar
die Konstruktion des Kameraobjektivs, hat unsere Vorstellung von Raum, Körper
und Fläche vollständig geprägt. Die Elektronik aber hat andere Parameter zur
Darstellung von Raum, die wesentlich nicht-hierarchisch und diskontinuierlich
("fuzzy") sind. Die Kollision dieser Wahrnehmungsraster bilden für
Groebel die Basis seiner künstlerischen Arbeit. Er nennt sie
"Arbeitshypothese". In der Assoziierung beider Felder zeigen sich
auch überraschende Kontinuitäten. So entspricht der von Groebel beschriebene
Bildfindungsprozeß und seine Ins-Bild-Setzung der Vorstellung der
Renaissance, daß sich der "disegno" erst im Künstler selbst bilde
und in die Malerei lediglich übertragen werde. Doch dies sind Randaspekte,
die den Paradigmenwechsel nicht überdecken können, und so ist es konsequent,
wenn sich Groebel auch thematisch diesem Wechsel widmet. Das große Thema der
Bilder ist der menschliche Körper. Betrachtet man die Gemälde in Ruhe, so
fällt auf, daß unabhängig von formalästhetischen Aspekten der Komposition wie
Gewichtung der Teile im Rahmen der gegebenen Fläche, Lokalkolorit u.ä.m. die
menschlichen Körper oder die aus ihnen montierten Gebilde eine hohe
plastische Wirkung haben, während Umraum und Hintergrund ausgesprochen flach
wirken. Hier erscheint im Bild wieder die Antinomie von Fläche und Körper
unter Vermeidung des dreidimensionalen illusionistischen Tiefenraumes. ![]() Die Körper sind nicht mehr Teil einer über ihnen
liegenden räumlichen Ordnung, sondern definieren selbst ihren spezifischen
Raum. Deshalb scheinen sie optisch oft vor der Leinwand zu stehen. Sie
präsentieren sich als selbstbestimmte, als "authentische"
Erscheinungen. Und sie sind umgeben von der Flächigkeit, die das Wesen der
Elektronik ausmacht. Es ist dieser grundlegende und nicht mit vorschnellen
Rezepten lösbare Konflikt, den Groebel thematisiert, wenn er sagt: "Der
menschliche Körper ist der Maßstab". Die darin anklingenden Widersprüche
angesichts seiner eigenen Faszination an der Elektronik sind ein
gesellschaftliches Problem, das der Künstler mit ästhetischen Mitteln
transparent macht. Und wieder ist das Ziel kein utopisches, sondern
ein engagiert pragmatisches. Jede Art dramatischer Überhöhung des Themas
würde vom eigentlichen Problem ablenken. Dieses ist umso wirklicher und
virulenter, je länger die Elektronisierung der Gesellschaft anhält. Sie setzt
den menschlichen Körper von seinen fast archaischen Funktionen der Arbeit
frei. Nahezu alle gesellschaftlichen Vorgänge sind heute bereits über den
Bildschirm abwickelbar. Der Mensch benötigt seinen Körper nicht mehr zur
Erfüllung libidinöser oder intellektueller Bedürfnisse. Für die Erfüllung physiologischer
Vorgänge braucht der Mensch heute Freizeit. Sie wird zunehmend abgetrennt von
den relevanten Handlungen für Arbeit. Das hat fundamentale Auswirkungen auf
die Wahrnehmung der Menschen, die heute noch weitgehend ignoriert werden.
Dabei ist eine auf der Basis dieses Paradigmenwechsels entwickelte neue Ethik
dringend notwendig, eine Ethik, die dem menschlichen Körper seine
selbstbestimmte Existenz erhält bzw. wiedergibt. Matthias Groebel arbeitet
daran. Dies ist eine künstlerische Strategie, die eine wesentlich politische
Dimension hat, und die bewußt nicht mehr unterscheidet zwischen
gesellschaftlichen Feldern und ästhetischen. Groebel ist in dieser Hinsicht
ein Vertreter des erweiterten Kunstbegriffs im besten Sinne. Friedemann Malsch, 1994
|